[x - neue Schreibung]
[27.09.00]
Diesen Text schreibe ich nach der neuen Rechtschreibung. Ich hoffe, dass es mir gelingt.
Das ist eine subjektive Betrachtung. Ich gehe hier nicht auf konkrete Unterschiede ein. Diese finden Sie auf duden.de.
Auch werde ich nicht weiter auf die Art und Weise des Durchsetzens der Rechtschreibreform eingehen. Eine ungewollte und undemokratisch durchgesetzte Veränderung kann trotzdem Gutes haben, auf das ich hier subjektiv eingehen werde. Also unabhängig, ob es sinnvoll ist oder vernünftig.
So finde ich die Schreibweise Schlossstraße optisch sanfter als Schloßstraße. Das "ß" bricht ab, das "ss" gleitet über.
Als ich begriffen hatte, dass die alter Rechtschreibung keine Zukunft hat, wenn die neue nicht offiziell zurückgenommen wird, beschäftigte ich mich intensiv mit dem Unterschied zwischen der alten und der neuen Rechtschreibung und stellte fest, dass nicht wenige Veränderungen meinen Schreib- und Sprechgefühl entsprechen.
Zum Beispiel schrieb ich im Tagebuch vom 27. September 2000 "heute ist mir klar geworden", obwohl ich in der alten Schreibung "klargeworden" hätte schreiben müssen. Ich fragte mich, ob ich schon immer "klar geworden" geschrieben habe.
Ob beim Schreiben in der neuen Schreibweise weniger Fehler gemacht werden, wage ich zu bezweifeln. Es gibt noch genug Ausnahmen, die man sich merken muss.
... viele rote Stellen gibt es auf dieser Seite ja nicht, oder?
[30.11.00]
Die ss-Schreibung verwirrt scheinbar nicht nur mich.
Auf vielen Homepage wird Spaß, draußen, Gruß ... mit ss geschrieben. Ist die ss-Schreibung als auffälligstes Zeichen "Ich bin ein Fortschrittlicher!" so beliebt, daß das ß ganz abgeschafft wird?
[x - falsche Schreibung]
[01.12.00]
Neben Spass, Gruss und draussen, Fussball, habe ich heute herraus gesehen.
Irgendwie, dachte ich, verständlich, wenn man jetzt stelbstständig schreibt, kann man doch auch herraus schreiben, oder?
Oder wenn man jetzt Schifffahrt schreibt, kann man auch Mitttag schreiben, oder?
Dann habe ich heute lange Zeit überlegt, ob ich "schwer verdientes" oder "schwerverdientes" Geld schreibe. Man könnte das ja so regeln: hat man es selbst schwer verdient, ist es "schwerverdientes", hat es jemand anderes schwer verdient, dann ist es "schwer verdientes" Geld, weil ein anderes es niemals so schwer verdient wie man selbst, weswegen es nicht als Einheit empfunden wird! ;-)
Das ist eine gute Gelegenheit zu meinen neuen Regeln überzuleiten!
[07.11.00]
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt am 6. Oktober 2000 unter der Überschrift "Rechtschreibreform wird schneller überprüft als geplant":
"Reu. BREMEN, 5. Oktober. Die Kultusministerkonferenz möchte die Mängel der Rechtschreibreform schneller analysieren und korrigieren als ursprünglich geplant. Auf ihrer Plenartagung in Bremen haben die Minister der Länder beschlossen, daß eine Bestandsaufnahme der Stärken und Schwächen nicht erst 2003, sondern schon 2001 vorliegen soll. An der Überprüfung der Rechtschreibreform soll der Beirat der Kultusministerkonferenz und der Zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung stärker beteiligt werden. In ihm sollen Schriftsteller, Verleger, Journalisten und Repräsentanten der Wörterbuchverlage vertreten sein."
Ich werte das als Teilerfolg!
Meine Zuversicht, daß eine annehmbare Lösung gefunden wird, ist wieder spürbar.
[30.11.00]
Schon sehr lange beschäftigt mich diese Frage.
Hans-Jürgen Martin schreibt in Schriftdeutsch (unter "Rechtschreib und 'Reform'" - Gesellschaft"):
Mehr als ein paar Hundert Personen zwingen der viele Millionen großen Gesamtbevölkerung ihre Ideologie auf.
Irgendwie ist das für mich unfaßbar, aber es passiert!
Inzwischen ist es so weit gekommen, daß selbst Klempter schreiben "..., um ... muss die Trasse gesperrt werden."
Wenn ich mich frage, wer einen Vorteil von der Reform hat, dann fällt mir als erstes der Duden-Verlag ein. Vor der Reform war der Duden ein Rechtschreibwörterbuch unter vielen. Nach der Reform, jetzt mit dem Duden 2000, hat sich der Duden wieder als Autorität der Rechtscheibung hervorgetan. Und während Bertelsmann sich noch an der Ausgabe 1999 festhält, arbeitet man bei Duden bestimmt schon am Duden 2002 ...
Vielleicht, so vermute ich, weil ich mir einfach keinen Reim auf dieses wilde Durchsetzen der neuen Schreibung machen kann, ging es nur darum, Macht neu aufzuteilen und Märkte neu zu erschließen.
So wie ein Unternehmen ein neues Speichermedium herausbringt, und alle, alle kaufen nun ihre Lieblingsmusik auf CD, zum Beispiel. CD ist schick ...
Vielleicht geht es bei der Rechtschreibreform "nur" um Macht und Geld? Könnte doch sein, zumal alle Agumente der Befürworter der Rechtschreibreform für die Reform nicht greifen.
[13.12.00]
Habe mir das Praxiswörterbuch vom Duden-Verlag gekauft.
Darin wird EINE Schreibung empfohlen, wo die amtliche Regelung mehrere Möglichkeiten gestattet. Das Wörterbuch richtet sich an alle, "die schnell und zuverlässig eine einheitliche Schreibweise sicherstellen wollen".
So wird unter anderem empfohlen:
[15.12.00]
Eben schrieb ich im Tagebuch vom 15.12.00 "stattdessen", obwohl ich diese Homepage in der alten Rechtschreibung schreibe und "statt dessen" hätte schreiben müssen.
Mein Schreibgefühl sagte mit, ich sollte "stattdessen" schreiben, und als ich dann nachschlug, stellte ich fest, daß es die neue Schreibung ist.
Das ist aber nicht der erste Fall meiner Mischschreibung. So schreibe ich schon einige Zeit "Albtraum" (schlecher Traum), obwohl es in der alten Schreibung "Alptraum" heißt. Der Duden 2000 und Icklers "Rechtschreibwörterbuch" bieten "Alb-" und "Alptraum" an.
[Anmerkung am 21.01.06, sa, 19:40: Alptraum scheint doch etwas mit den Alpen zu tun zu haben: ein Traum drückt so stark wie die Alpen auf die Brust, alpenstark -> Alpendruck -> Alpdruck -> Alptraum. Deshalb schreibe ich ab heute nicht mehr Albtraum, sondern Alptraum.]
[Anmerkung am 28. Oktober 2012, so, 18:20: Auch wenn Alptraum etwas mit Alpen zu tun haben sollte, kann ich doch weiterhin, wie ich es jahrelang getan habe, Albtraum schreiben.]
[16.12.00]
Eben schrieb ich im Tagebuch vom 16.12.00 "Kunstsfoffflächen". Ich hatte das Wort fertig geschrieben, da dachte ich, oh, es wird ja nur mit zwei f geschrieben.
Und in diesem Text geht es weiter: "fertig geschrieben" sollte nach der alten Schreibung zusammengeschrieben werden, oder?
Aber nicht nur ich schreibe in einer Mischform, sondern auch Zeitungen. Eben las ich in der Welt "vielversprechend", das auch in der neuen Schreibung zulässig ist, aber die neue Schreibung ist "viel versprechend". Und wenn ich als Leser schon aufmerkte: oh, alte Schreibung in der Welt ... was ist dann, man, woher soll ich das wissen!
[17.12.00]
Im Tagebuch vom 17.12.00 schrieb ich "spazieren gehen". Die alte Schreibung erwartet "spazierengehen". Ich wollte "spazieren gehen" schreiben, dachte dann aber, es wird (in der alten Schreibung) "spazierengehen" geschreiben. Dicker, das heißt noch länger wird es bei "spazierengegangen" oder "spazierenzugehen". Daß man das Spazierengehen schreibt, sagt auch mein Schreibgefühl.
[24.09.03]
Nach der neuen Rechtschreibung schreibt man "irgendjemand" und "irgendetwas" statt "irgend jemand" und "irgend etwas". Ich, so habe ich eben gesehen, schreibe diese Worte wohl schon immer zusammen.
[16.12.00]
Wie mich das alles inzwischen nervt: welche Zeitungen ich auch außer der FAZ lese, alle schreiben in der neuen Rechtschreibung ... selbst viele Homepages sind in der neuen Rechtschreibung bzw. einer Mischversion verfaßt ... und ich sitze vor dem PC, neben mir der alte Duden, der Duden 2000, Dudens Praxiswörterbuch, Icklers Rechtschreibwörterbuch, und manchmal sehen ich auch noch in den Duden von 1996, um zu ergründen, was ist nun die alte oder die neue oder eine Mischschreibung, oder was ist einfach nur falsch geschrieben. Und: nun zusammen oder getrennt?
Wie mich das alles nervt!!!
Und für solche schwierig zu schreibenden Worte wie Taille oder Medaille (wo nicht nur ich geneigt bin, Tallie bzw. Medallie zu schreiben) hat man keine bessere Schreibung gefunden ...
[10.09.01]
Heute habe ich einen Artikel gelesen: "... Herr XY stellte wohl überlegt dar ..."
Ich vermute, man meint "wohlüberlegt", was "besser überlegt" heißt, aber in der neuen Schreibung gibt es nur "wohl überlegt", was in in diesem Zusammenhang auch als Vermutung gemeint sein könnte: "... er wird wohl überlegt haben ..."
Nicht verstehe ich, warum jedoch weiterhin "wohlstanden" geschrieben werden kann ...
[16.12.00]
Wie werde ich schreiben? - Auf alle Fälle ist mir das Durchhalten der alten Schreibung zu streßig. [Hier hatte ich stressig geschrieben.] Am schwierigsten finde ich, in einer Rechtschreibung zu schreiben, die ich fast nicht mehr lese.
Und die FAZ nur deshalb zu lesen, damit ich weiterhin täglich etwas in der alten Schreibung lesen, kann auch keine Lösung sein.
Es gibt auch Tage, an denen ich keine Zeitung lese, weil ich keine Nerven für das Geschehen um mich herum habe.
In diesen Zeiträumen fällt ohne Gegengewicht die neue Schreibung in mich ein, es sei denn, ich lese nichts mehr. Aber wie soll ich das machen? Egal, wohin ich sehe, was geschriebe ist, ist es in der neuen Schreibung!
Also werde auch in mir eine Hausschreibung schaffen. Die habe ich bestimmt schon, aber ich bemühte mich, weiter nach der alten Schreibung zu schreiben.
Aber allein in den Duden von 1986 (19. Ausgabe) zu sehen, ist anstrengend: sie Schrift liest sich schwerer als die im Duden 2000 verwendetet.
Dann mußte ich meine Ausgabe, die ich kurz nach dem Fall der Mauer kaufte, schon kleben, um die Heftung zu verstärken - lange wird dieses Buch es nicht mehr machen. Vor allem nicht, da ich, wenn ich schreibe, mehrmals am Tage in den Duden sehe. - Wie oft ich schreibe, können Sie an Hand [oh, es wird "anhand" geschrieben] meines Tagebuches allein prüfen ... ;-)
Wo also die alte Schreibung nachsehen, wenn mein alter Duden zerlesen ist? Im Duden-Verlag wird man diese Ausgabe nicht nachlegen.
So werde also auch ich uber kurz oder lang in der neuen Schreibung schreiben. Zuerst unmerklich und unwillentlich, irgendwann vielleicht sogar bewußt.
Dabei wird es irgendwann egal sein, ob die neue Schreibung zwangsverordnet worden ist oder nicht, warum man plötzlich Hass, aber weiterhin Spaß schreibt ... Irgendwann wird die neue Schreibung uns alle erfassen.
[17.12.00]
Ich werde nach meinem Gefühl schreiben. Wenn ich fühle, "spazieren zu gehen", werde ich es so schreiben. Ich glaube, so habe ich es immer geschrieben. Erst durch die Beschäftigung mit den Unterschieden zwischen der alten und neuen Rechtschreibung machte mir klar, daß man alte "spazierengehen" schreibt. So hatte ich also schon immer neu geschrieben. Oder habe ich "spazierengehen" geschrieben, aber "spazieren zu gehen" ... Das werde ich erst sehen, wenn ich meine alten Texte zur Hand nehme. Die nur durch mich korrigierten.
... vielen neuen Schreibweisen und Regeln ... besser: ich lerne noch ...
Wichtiger, weil ich nie eine vollkommen richtig Rechtschreibung gehabt habe, nach welchen Richtlinien auch immer, wichtiger für mich finde ich den Beginn einer Befreiung:
Aufgewachsen bin auch in dem Bewußtsein, daß falsch zu schreiben ["falschzuschreiben" ist mir zu lang] immer auch bedeutet, nicht nur ungebildet, sondern auch dumm zu sein.
Nicht selten habe ich mich für eine Falschschreibung geschämt. Besonders, wenn ich ihr bewußt wurde, sie aber nicht mehr korrigieren konnte, weil der Brief schon abgeschickt war.
Oder bestimmte Schreiben mußten unbedingt total richtig geschrieben sein ... natürlich wurde ich dann so nervös, daß ich immerzu Fehler machte.
Toll an dem Hin und Her zwischen alter und neuer und Mischschreibung finde ich: auch wenn es den Lesefluß hemmt, empfinde ich das Choas nicht schlimm. Irgendwie hat es schon immer verschiedene Schreibungen gegeben, auch offiziell.
Außerdem wird meine Ausdrucksmöglichkeit erhöht, weil ich in der alten und neuen Schreibung schreiben darf bzw. es tue. Und wenn ich "sitzenbleiben" schreibe, aber "sitzenbleiben" und "sitzen bleiben" meinen kann, erhöht das die Keativität der grauen Zellen.
Vielleicht werden wir alle etwas toleranter, wenn wir das Nebeneinander verschiedener Rechtschreibungen annehmen. Auch Menschen gegenüber, weil jede Schreibung ja auch immer für einen Menschen steht, der sich auf seine ganz eigene Weise ausdrückt.
Am Potsdamer Bahnhof "Charlottenhof" (ehemals Potsdam-West) wirbt die Kneipe unter der Brücke auf einem weithin sichtbaren Plakat:
"Frühstück Sonntag's ab 10 Uhr!"
Ich fahre fast jeden Tag dort vorbei und amüsiere mich ...
[01.03.01]
Im Verteiler der Rechtschreibreform erhielt ich folgende Meldung:
"Duden in normaler Rechtschreibung lieferbar!
... auf Nachfrage in der Vertriebsabteilung des Dudenverlags wurde mir mitgeteilt, daß der Duden in der 20. Auflage, in der noch keine der absurden Fehlschreibungen enthalten sind, lieferbar ist. Über den Buchhandel habe ich nun bereits ein Exemplar [...] erstanden. (Preis 38 DM)"
Mein Duden in der alten Rechtschreibung mußte ich kleben, damit er nicht auseinanderfällt - er könnte ersetzt werden.
[29.08.01]
Auf den ersten Blick sieht es zwar so aus, als wenn viel in der neuen Schreibung geschrieben wird (dass, musst ...), aber fast alle schreiben eine eigene neue Rechtschreibung. Konsequent und vollständig schreibt fast niemand nach den neuen Regeln.
... wenn es eine einheitliche deutsche Rechtschreibung gegeben hat (im Volk herrschte ja immer eine eigene Rechtschreibung), wurde sie durch die Rechtschreibreform zerstört.
Die Frage, wie ich heute richtig schreibe, läßt sich nicht mehr beantworten. Das hat jedoch auch einen Vorteil: deutsch zu schreiben, kann man lockerer angehen ;-)
Vor der Rechtschreibreform habe ich in den Duden gesehen oder habe beim Lesen gelernt, egal, ob ich Zeitungen oder Bücher las. Jetzt schreibt man nach Duden so, nach den Zeitungen so, nach den Büchern so oder so ...
Zum Beispiel: Ich könnte mich daran gewöhnen, allein erziehend, statt alleinerziehend zu schreiben, auch sitzen bleiben, statt sitzenbleiben, gerade sitzen, statt geradesitzen ... Aber warum schreibt man auch weiterhin geradestehen, nicht gerade stehen?
Ich wette, wenn die Medien nicht mehr in ihrer eigenen neuen Haus-Rechtschreibung schreiben, sondern wieder in den alten, werden sich alle anderen anpassen.
Vielleicht nutzt man aber auch das Durcheinander als Diskussion, um dann sinnvolle Regeln zu übernehmen und widersinnige zu streichen.
Bestimmt werden die Macher der Rechtschreibreform dann mitteilen, daß die Reform immer schon so werden sollte, sie konnten sich nur nicht richtig ausdrücken ...
[10.09.01]
Derzeit sehe ich keine Andeutung der Rücknahme der Rechtschreibreform. Selbst nicht in der Form, daß alles wieder zum Alten geführt wird außer der ss-ß-Schreibung.
Dabei bräuchten nur die Printmedien wieder in der alten Rechtschreibung zu schreiben, um die Rechtschreibreform zu kippen. Und da eine handvoll Leute entscheiden, wie in den Zeitungen und Zeitschriften geschrieben wird, ist das kein Problem. Zumal diese Leute ja jetzt auch die Rechtschreibung für Zeitungen angeordnet haben, die nicht identisch ist mit der offiziellen.