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F. und Christiane


Die Sache F. - etwas zur Geschichte meiner Beziehung zu F. und zwei Nokia 7110

[27.10.01]

Gestern schrieb ich meinem Bruder in einer sms:

"So schmerzlich das auch mit F. ist, ohne mein 7110 war es schmerzlicher. Nun habe ich wohl eins der letzten neuen 7110 bekommen."

Der erste Satz ist nicht wörtlich zu nehmen. Ohne mein Nokia 7110, das ich meinem Bruder verkaufte, wurde der Schmerz nur deutlicher.

Immer, wenn ich an mein 7110 dachte, wurde mir klar, daß ich es nur weggegeben hatte, weil ich es die Erinnerung, das mein Freund F. sich seit Ende August 2001 nicht mehr gemeldet hat, nicht aushielt.

Kaum hatte ich mein 7110 in der Hand, tauchten Erlebnisse, die ich mit F. hatte, auf und ließen traurig werden, den Verlust fühlen.

Wenn ich das Handy etwas länger in den Händen hielt, hörte ich es piepen, obwohl es nicht piepte, so sehr wünschte ich mir eine sms von F., die nicht kam. Dafür flossen meine Tränen, so wie auch jetzt, wo ich diese Sätze schreibe.

Irgendwann war es so schlimm, daß ich kurz vor dem Weinen war, wenn ich nur mein 7110 sah.

Da beschloß ich, mein 7110 meinem Bruder zu verkaufen.

Nach einigen Tagen fehlte mir mein 7110. Vor allem wurde mir klar, daß es noch genügend anderes in meinem Haushalt, in meinem Leben gab, was mich an F. erinnerte und traurig machte.

Gerade wenn es mir nicht gut ging, sehnte ich mich sehr nach einer Meldung von F.

In dieser in meinem Leben einmaligen Beziehung fanden alle meine wichtigen Seelenteile ein Gegenüber. Zum Beispiel fanden meine Kleinen jeweils einen kleinen Freund, einen großen Freund, einen Vater ... Ich als Erwachsener fand einen erwachsenen Freund, mit dem ich über Gott und die Welt reden konnte, einen kleinen Freund, einen Freund, mit dem ich Blödsinn machen konnte ...

Mein Freund, ich hoffe, daß ich ähnlich vielseitig für dich dasein konnte.

 

Ende August 2001 erhielt die letzte SMS von F. Ich hielt noch eine Woche täglich Kontakt zu ihm.

Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich werde auch nicht nachfragen. Ich habe mich zwar auch irgendwann nicht mehr gemeldet, aber wie lange soll, kann mich Kontakt halten ohne Antwort? Zumal eine sms von F. oder von seiner Frau doch nicht zuviel ist, oder.

Ich versuche stark zu sein. Aber dieser Verlust trifft mich am stärksten von allen bisher erlebten, weil, was mich mit F. verband, was ich mit ihm unternahm (und unternehmen wollte), wie er mich bereicherte, was ich für ihm empfand ... das hatte ich alles nur mit F., und schon während unseres Kontaktes ahnte ich, daß ich eine solche Beziehung nur einmal in meinem Leben haben würde.

Ich dachte nicht selten, ich mußte 40 Jahre alt werden, um einen wie F. zu treffen, ich werde noch mal 40 Jahre brauchen, um erneut einen solchen Glücksfall zu erleben. Aber werde ich auch 80 Jahre alt?

 

Das hört sich vielleicht so an, als hätte es nie Reibereien zwischen uns gegeben. Das stimmt nicht. Es hat einige Male ziemlich heftig geknacht. Vielleicht sind diese Wunden bei F. auch nie geschlossen worden. Aber was F. für mich war, für mich als vielschichtige Persönlichkeit, war noch nie jemand für mich.

 

Das alles erinnert mich an den französischen Film "Das Verhängnis". Ein Mann lernt eine Frau kennen, lieben, und als die Beziehung zu Ende war, konnte er nicht mehr mit einer anderen Frau zusammen sein.

So extrem ist es bei mir nicht. Wenn ich mit anderen Freunden unterwegs bin, denke ich auch nicht an F. Aber irgendwie war F. wie mehrere Freunde, nur in einer Person. Jedoch waren dabei auch Personen, Charaktere, die ich wohl nie wieder treffen werde, weil sie zu einmalig sind.

Dabei meine ich nicht ... wie schreibe ich das ... liest du diesen Satz, mein Freund? ... Mit "zu einmalig" meine ich nicht deine sehr bekannte Seite (ich habe eine Reife, die mich zum Fan oder Groupie untauglich macht), sondern deine sehr private, zu wenig bekannte.

 

Seit zwei, drei Tagen fehlt mir mein 7110 und das, was es für mich bedeutet.

Es mag verrückt klingen, aber wenn ich mich nicht gut fühle, baut es mich auf, wenn ich von einem meiner Handy eine sms an ein anderes meiner Handy schicke. Oder einfach nur anklingle.

Wenn es mir sehr schlecht geht, schreibe ich mir eine sms, wie sie mir F. oft geschrieben hat ... Mein Gott, ist das traurig!

 

... oft geschrieben hat, obwohl er sehr viel mit seiner Krankheit und anderen schweren Probleme zu tun gehabt hat. Ich schätze, ich konnte mich nicht soviel um ihn kümmern wie er um mich.

Trotzdem habe ich in der Beziehung zu ihm und seiner Frau Christiane vieles geleistet, gegeben, was ich zuvor noch gegeben habe, und einige meiner Versprechen werde ich für immer halten.

Ich will Christiane auf keinen Fall vergessen. Wenn ich sie ohne ihn kennengelernt hätte, hätte ich wohl keine andere Frau mehr angesehen. Wahrscheinlich wäre sie mein Verhängnis geworden.

Aber ich habe sie als Frau von F. kennengelernt, und etwas hat in mir immer gesagt, ich sollte sie aus mehreren Gründen als Freundin und Frau F.s sehen. Daß sie seine Frau ist und er sehr eifersüchtig sind dabei eher unbedeutende Gründe.

Wenn ich sie ohne ihn kennengelernt hätte, hätte ich mir nicht vorstellen können, daß es jemand gibt, zu dem ich mich stärken hingezogen fühlen könnte. Das spricht nicht gegen Christiane, sondern für F.

 

Ich hoffe, euch beiden und eurer Familie geht es gut. Gott schütze euch!

 

 

Während ich diese Seite schrieb, habe ich viel geweint. Manchmal sehr stark. Ich habe auch früher, vor der letzten SMS von F., oft geweint.

Wenn er nach eine OP sich wieder meldete, ich von meinen Sorgen, ob er überleben würde, befreit war, ich meines Glücks bewußt wurde, mußte ich nicht selten meine Zeitungstour unterbrechen, weil ich vor Tränen nicht mehr sah, wohin ich mit dem Fahrrad zu fahren war.

Jetzt habe ich geweint, weil ich sehr traurig bin, weil F. mir sehr fehlt, weil eben noch alles in Ordnung war (jedenfalls aus meiner Sicht) und ich plötzlich nichts mehr höre.

Plötzlich, aber schon seit fast zwei Monaten nichts mehr höre. Dazu habe ich bisher noch nicht geschrieben. Ich habe es mit mir herumgetragen. Ich habe diesen Schmerz die ganze Zeit in mir behalten. Er hat meinen Blick nach vorn verstellt.

Den Schmerz durch den Verlust fühle ich immer noch, aber nicht mehr so stark. Es hat mir gutgetan, über ihn zu schreiben.

 

Vielleicht lesen auch F. und Christiane diese Seite. Vielleicht schicke ich ihnen auch den Link. Vielleicht schreibe ich ihnen doch einmal, um mitzuteile und zu fragen ...

 

Ich mußte diese Seite auch schreiben, um mich wenigstens etwas zu befreien. Das Leben geht weiter, auch wenn man manchmal möchte, daß es stehenbleibt. Die Herausforderungen meine Studium werden schwer werden und wohl wieder unerwartet auf mich zukommen. Ich brauche viel emotionelle und intellektuelle Reserven. Deshalb mußte ich über meine Gefühle schreiben. Ich hoffe, ich habe die Grenzen bewahrt.

 

Meine Freunde, ihr fehlt mir sehr. Ich werde aber stark sein. Ich hoffe, euch geht es gut.

Gottes Schutz für euch auf euren Weg!


[28.10.01]

Das Herauslassen meines Schmerzes hat mir sehr geholfen. Ich hätte das schon eher tun sollen. Allerdings war mir das zu intim, aber andere Methoden, den Schmerz zu lindern, waren nicht erfolgreich.

Jetzt, nachdem ich es aufgeschrieben habe, habe ich deutlichen Abstand gewonnen. Dadurch bin ich jetzt nicht unbelastet, aber ich fühle Abstand, der meine Gefühle weniger stark auf mich wirken läßt.

Wichtig daran war auch, daß ich endlich viel und intensiv geweint habe. Diese Tränen drückten sehr auf mein Gemüt, als sie noch in mir waren.


[20.11.01, di, 10:44]

Eben habe ich eine Mail von Christiane bekommen.

F. war sehr, sehr krank. Es tut ihm sehr leid, daß alles so gekommen ist...

Ich weine sehr viel. Ich weiß nicht, wie ich mit meinen Gefühlen klarkommen soll. Zumal ich ja bald zur Uni fahren will (und muß: Scheinerwerb), das aber nicht mit einem verweinten Gesicht tun will.


[18.02.02, mi, 10:00]

Heute morgen gegen 5 Uhr erhielt ich eine Mail von Christiane.

Sie schreibt unter anderem:

"Eigentlich gibt es keine Hoffung mehr."

Er hat sich eingekapselt, empfängt selbst seinen seit vielen Jahren besten Freund nicht mehr.